Pontifex Maximus und Máximo Líder

Vor zwei Tagen hat der Papst sich mit Fidel Castro getroffen. Castro ist gemeinsam mit seinem Bruder Raúl und dem absurderweise zur Pop-Ikone gewordenen Ernesto Guevara verantwortlich für den Tod tausender Menschen, für Gefangenenlager, Folterungen und Vertreibungen im ganz großen Stil. Ist es richtig und angebracht, dass der Papst sich mit ihm trifft, zumal er keinerlei offizielle Funktion in Kuba mehr innehat? Ich habe diese Frage einem Freund von mir gestellt, der verdienstvollerweise gerade als bloggender Kaplan reüssiert: „Der Papst hat sich gerade mit Fidel Castro getroffen. Wie kann man es rechtfertigen, sich mit einem Massenmörder zu treffen, der sein Volk und auch die Kirche unterdrückt? Verleiht man ihm dadurch nicht Legitimität?“ Ich finde, ehrlich gesagt, die Vorstellung ziemlich gruselig, dass die Menschen, die Angehörige, Freunde oder vielleicht einfach nur Vorbilder auf oft grausame Weise verloren haben, jetzt das Bild sehen müssen, wie der Papst ihm freundlich lächelnd die Hand schüttelt.

Mein bloggender Freund verweist darauf, dass sich schließlich auch Jesus mit Sündern getroffen habe, gesteht dann aber auch gleich selber ein: „ein solches Treffen mit Castro hat natürlich nicht den Charakter einer reinen Privatveranstaltung“. Die beiden hätten sich ja auch durchaus im Verborgenen treffen können – auch da liefert Jesus gute Beispiele. Um seine Botschaft von dem Wert der Freiheit und insbesondere der Religionsfreiheit zu verkünden, ist ein Besuch des Papstes beim Massenmörder keineswegs notwendig.

Und deshalb komme ich zu einem anderen Schluss, um dieses Verhalten des Papstes zu erklären: Ganz anders als seinem sehr politischen Vorgänger Johannes Paul II. ist Benedikt XVI. die Sphäre der Politik zutiefst fremd. Dass es sich dabei nicht nur um ein Klischee vom „Gelehrten im Elfenbeinturm“ handelt, ist etwa in seiner wohlgemeinten, aber sehr ungeschickten „Regensburger Rede“ oder auch in seinen klaren Worten zur Trennung von Kirche und Staat in Freiburg im vergangenen Jahr deutlich zum Vorschein getreten. Auch seine Ansprache im Bundestag war alles andere als ein politisches statement – sie war eine (zweifellos kongeniale) philosophische Vorlesung.

Papst Benedikt ist ein profunder Kenner des Heiligen Augustinus – was mir selbst, zugegebenermaßen, schon aus theologischen und philosophischen Grundüberzeugungen heraus sehr fremd ist. Und dem Heiligen Augustinus verdanken wir – was auch Ratzinger in seiner Dissertation kenntnisreich dargelegt hat – die Idee der zwei Reiche: Es gibt die civitas Dei (das Reich Gottes) und die civitas terrena (das irdische Reich, also den Staat). Diese unheilvolle Trennung der beiden Bereiche hat nicht zuletzt dazu geführt, dass Martin Luther seine Zwei-Reiche-Lehre entwickeln konnte, die wesentlich zur Entstehung des Absolutismus beigetragen hat, wie Lord Acton in seinem grundlegenden Vortrag „The History of Freedom in Christianity“ aufgezeigt hat: Indem man den Staat von der Religion abkoppelt, kommt man unweigerlich zu dem Punkt, wo sich seine Vertreter auch nicht mehr religiösen Geboten verpflichtet fühlt. Gewiß ohne es zu beabsichtigen geht der Primat der Religion zugunsten des Primats der Politik (oft als Ersatzreligion) verloren. Mit anderen Worten: Die Verachtung des Irdischen – die ja gerade bei dem alten Manichäer Augustinus die Grundlage seiner Idee der zwei Reiche war – führt in letzter Konsequenz zu einer Übermacht des Irdischen.

Um es noch deutlicher zu sagen: Wenn die Kirche meint, sie könne sich aus der Politik heraushalten, um sich die Finger nicht schmutzig zu machen, überlässt sie den Massenmördern und Tyrannen dieser Welt das Feld – und spielt im Übrigen auch ihren Gegnern in die Hände, die sie gerne auf die Rolle eines bloßen Traditionspflegevereins reduziert sehen möchten. Ich hätte mir vom Papst gewünscht, dass er den Kontakt mit den Schlächtern von Havanna auf das nötige Minimum, sprich: die diplomatischen Gepflogenheiten, beschränkt und sich nicht instrumentalisieren lässt von denen, gegen die sein Vorgänger so mutig und unerschrocken aufgestanden ist.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Menschenrechte, Philosophie, Religion

4 Antworten zu “Pontifex Maximus und Máximo Líder

  1. Ich weiß nicht, ob ich die grundsätzlichen Überlegungen des Papstes zu gelingender Gesellschaft aus der Sicht des Glaubenden als „aus der Politik heraushalten“ bezeichnen würde. Weder im Bundestag, noch in Kuba. In einer Gesellschaft, die keine Religionsfreiheit kennt, diese Freiheit einzufordern, ist ja wohl ein politisches Statement.
    Insofern stimme ich mit Dir nicht ganz überein. Uneins kann man sich sein, ob er nicht deutlicher hätte werden sollen.
    Aber auch hier scheint mir die politische Klugheit im Spiel zu sein: je härter man in einem solchen System Dinge einfordert, die nicht gegeben sind, desto weniger ermöglicht man es diesen Machthabern, ohne Gesichtsverlust auf solche Forderungen einzugehen. Das heißt, je härter die Forderung, desto unrealistischer das Ergebnis. Denn bei diesen Leuten lebt das ganze Gelingen des Systems einzig von der Wahrung der übermächtigen Fassade.
    Ich glaube daher, das eher die leisen – aber unüberhörbaren -Forderungen ans Ziel führen. Und das ist ja wohl echte Realpolitik.
    Insofern nochmal: unsere Einschätzungen der Situation sind an dieser Stelle tatsächlich divergent…
    Ich bin überzeugt, das laute Wort macht zwar Eindruck in aller Welt, verpufft dann aber im Effekt. Und um auf den Vorgänger zu sprechen: der hat sich auch mit Castro getroffen…

    • PS: Der Titel Deines Posts ist genial!

    • Mont Pelerin

      Nun, meine Kritik bezog sich nicht direkt auf die „leisen Töne“ – da würde ich jedem sofort seinen eigenen Stil zugestehen – obwohl die Töne Johannes Paul II. oder auch des zu Unrecht vielgeschmähten Pius XII. durchaus deutlicher waren … Meine Kritik bezieht sich auf ein politisch bzw. diplomatisch nicht gebotenes Treffen. Und da unterscheidet er sich von seinem Vorgänger, der sich mit Castro in dessen Eigenschaft als Staatsoberhaupt Kubas traf. Ich kann all Deine Überlegungen zu „politischer Klugheit“ und „echter Realpolitik“ nachvollziehen und bisweilen auch zähneknirschend teilen. Das erklärt aber für mein Verständnis immer noch nicht das Treffen mit Fidel Castro.

  2. jrh

    Vielen Dank für das ausgewogene, hervorragende Posting! Es macht mich gerade nachdenken…

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